Liebe
Trauernde,
lieber Trauernder,
gestatten
Sie mir diese (notwendigerweise) allgemeine und doch vertrauliche
Anrede. Sie haben den Weg auf diese Seite gefunden, weil Sie Hilfe,
vertrauliche Hilfen suchen in einem sehr persönlichen - und doch
erstaunlich allgemeinen Problem:
Sie
suchen Hilfe im Umgang mit Ihrer Trauer, im Umgang mit Ihrem Schmerz
über die Trennung, den Abschied von einem geliebten Menschen.
Ihnen solch eine Hilfe anzubieten oder Ihnen Wege dahin aufzuzeigen
ist mir ein Herzensanliegen. Und ich hoffe, dass Ihnen meine
Gedanken, meine Ratschläge und praktischen Vorschläge eine solche
Hilfe werden können.

Meine
Basis ist dabei eine allgemein christliche, nämlich die Überzeugung,
dass mit dem Tod nicht alles vorbei ist, dass mit dem Tod nicht
alles "abzuhaken" ist, sondern dass das, was die Christen
"Seele" nennen, also das, was einen Menschen in seiner
liebenswerten Einmaligkeit ausmacht, dass diese Seele über
den Tod hinaus Bestand hat - wie immer wir uns das auch vorzustellen
haben. Ohne eine solche Basis stelle ich mir aktive Trauerbewältigung
sehr schwer, wenn nicht sogar unmöglich vor. Da bleibt einem nur
die Flucht ins Vergessen.
Gestatten
Sie mir, dass ich Ihnen einen Brief schreibe, einen Brief, der von
dem Menschen stammen könnte, den Sie liebten, den Sie immer noch
lieben und den Sie verloren haben, weil er gestorben ist:
IM
ZIMMER NEBENAN
Ich bin
nur in das Zimmer nebenan gegangen.
Ich bin ich, ihr seid ihr.
Was ich
für euch war,
bin ich immer noch.
Lacht
weiterhin über das,
worüber wir gemeinsam gelacht haben.
Betet,
lacht, denkt an mich,
und trinkt auf mich,
damit mein Name ausgesprochen wird,
so wie es immer war,
ohne irgendeine besondere Betonung,
ohne die Spur eines Schattens -
Und hört Musik.
Der
Faden ist nicht durchschnitten.
Warum
soll ich nicht mehr in
euren Gedanken sein,
nur weil ich nicht mehr in eurem Blickfeld bin?
Ich bin
nicht weit weg,
nur auf der anderen Seite des Weges.
Wenn
Sie diese Sehensweise teilen können, wenn Sie
sich dieses Bewusstsein zueigen machen können, dass der geliebte
Mensch nicht weg ist, nicht auf immer und ewig verschwunden ist,
sondern dass er nur den Lebensraum gewechselt hat, dass er quasi im
Zimmer nebenan und damit noch bei Ihnen, ja um Sie herum ist, auch
wenn Sie ihn nicht sehen - dann
ist das der Beginn eines wunderbaren Weges aus Ihrer Trauer.
Dann
werden Sie irgendwann nicht mehr unter Tränen an den
lieben Verstorbenen, an die liebe Verstorbene denken, sondern in
Freude den geliebten Namen aussprechen, sich in Freude und
Dankbarkeit der Zeit des gemeinsamen Erlebens, all der besonders
schönen Momente und der unvergesslichen Stunden erinnern.
Dann machen Sie es so, wie Hermann
Hesse es in seinem Gedicht "Stufen" beschreibt:
…Es
muss das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In and're, neue Bindungen zu geben.
Und
jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft zu leben.
…Es
wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegensenden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden...
Wohlan
denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!
Das
wünsche ich Ihnen von Herzen. Vielleicht können Sie sich dann
irgendwann auch an der Hoffnung erfreuen, die ein weiser und
gläubiger Mann einmal folgendermaßen zum Ausdruck brachte,
nämlich der Hoffnung auf ein Wiedersehen - wie immer das
auch aussehen und vor sich gehen mag:
Der Tod
ist wie das Auslaufen eines Schiffes:
Es entfaltet seine Segel in der Röte des Sonnenuntergangs, fährt
auf den Horizont zu und lässt Geliebte und Trauernde
zurück.
Wenn es
über den Horizont entschwindet, weint jemand:
„Es ist fort …“
Aber im
gleichen Augenblick erblicken auf einem fernen Ufer jenseits des
Horizonts andere – Geliebte und Wartende – das erscheinende
Segel und jemand ruft voller Freude:
„Es kommt …!“
Das
alles geht natürlich nicht von heute auf morgen.